PANKETALER WÄHLERGRUPPE

ZEP2000

Liebe Linde

Im Garten vor dem Hause, da steht ein Lindenbaum.
Die Linde zwischen Haus und Straße ist hoch und mächtig,
breit und majestätisch, graziös und heilig und zu allen Jahreszeiten über alle Maßen lind. Im Frühjahr sprießt sie hoffnungsgrün. Im Sommer rauscht und wogt ihr lindgrünes Blätterkleid. Im Herbst lodert goldgelb ihr rauschendes Gewand. Im Winter reckt sie anmutig ihre nackten Glieder. Alle Tiere lieben sie natürlich: Bienen, Eichhörnchen, Hauben-, Blau- und Kohlmeisen, Amseln, Eichelhäher und so viele andere, die da kreuchen und fleuchen.
Auch einige Menschen lieben sie, vielleicht sieben oder acht. Es sind wenige- obwohl man sie eigentlich nur lieben kann, die liebe, liebe Linde, „die Schönheit ihres Baues, das Überdach ihres Schattens und das gesellige Summen des Lebens in ihren Zweigen“.
Ja, sie hat Feinde. Denn im Herbst lässt sie einfach ihr üppiges Gewand fallen. Und wenn der Wind dann weht, wo er will, stellen sich die üblichen Folgen ein. So ist denn auch die edle Linde wohl die letzte ihrer Art im Wohnviertel. Überhaupt, die meisten Laubbäume sind ausgemacht, Nadelgehölze beherrschen die Gärten.
Kein Dreck, keine Arbeit, kein Ärger mit Leuten, die sich- sei es auch nur stumm-vorwurfsvoll- über fremde Blättchen vor ihrer Tür oder auf ihrem Rasen beschweren. Die Linde zieht sogar im Sommer feindselige Blicke auf sich, sie speisen sich aus der Herbstphobie, die Laubvision macht blind für Anmut und Würde.
Man mag noch so viel kehren, der wortlose soziale Druck steigt beharrlich. Man ist einer der letzten, die sich solchen Luxus belaubter Schönheit leisten. Auch noch auf Kosten und zu Lasten von ordentlichen Leuten, die man ja irgendwie verstehen kann, setzten sie doch vorbildlich mit disziplinierten Koniferen, Platten und Beton dem Laub die gebührenden Grenzen.
„Ausmachen“- doch wie sag ich’s meiner Linde?
Als die Novembergedanken auf ihrem Höhepunkt sind, flattert der Panketal- Bote ins Haus. „Ausbau ihrer Straße- 6m“- na endlich denk ich- neue Straße, neuer Gehweg- und das mit der Linde...??
Neben dem sozialen Druck ein weiteres, ein schlagendes Motiv, ein echt rationaler Grund, der Linde und dem Ärger endlich ein Ende zu machen.
Doch dann verschickt die Seele unversehens die Zeile:
„Ich atme leis
Im Duft der Linde
Der Liebe linden Duft.“
Wie konnte man auch nur eine Sekunde wanken? Liebe Linde verzeih.

tw/it